Autor: Dominik
Vergleich zweier 26 Zoll Spike-Reifen für den winterlichen Einsatz auf Eis: der aktuelle Schwalbe Ice Spiker Pro aus Indonesien vs. dem kultigen Nokian Freddie’s Revenz aus Finnland.
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1. Produkt
Sowohl der Nokian als auch der Schwalbe sind Winterreifen mit einer hohen Anzahl an Spikes, ausschließlich für Mountainbikes, und damit das Fahren auf vereistem Untergrund abseits von Straßen.
2. Spike-Hinweise
Laut Schwalbe sollten neue Spike-Reifen zum Setzen dieser prinzipiell zuerst auf hartem glatten Untergrund w.z.B. Asphalt über eine Strecke von ca. 40km eingefahren werden, bevor man mit ihnen dann über losen Untergrund fährt. Diese Vorgabe erachte ich jedoch als Reifen-spezifisch, denn sie ist abhängig vom individuellen Aufbau des Reifens, sowie vor allem von der Qualität der Verarbeitung, d.h. wie fest sitzen die Spikes bereits seitens der Herstellung.
Grundsätzlich ist beim Fahren auf Asphalt zu beachten, dass die Traktion mit Spikes auf solch hartem Untergrund deutlich schlechter als gewöhnlich ist (ähnlich einer Panzerkette ohne Kettenpolster, oder Schneeketten beim Kfz), und dabei vor allem mit langen Spikes, und in Kurven ein erhöhtes Sturzrisiko besteht. Außerdem bringen vor allem längere Spikes ein höheres Verletzungsrisiko mit sich, ggf. sollte deshalb Schutzausrüstung getragen werden.
Die kegeligen oder auch abgeflachten Wolframcarbidspitzen sind entweder in Stahl- oder Aluminiumfassungen eingesetzt, welche wiederum als Passform im Gummi eingesteckt sind, bei Stollenreifen i.d.R. als Tellerscheibe. Stahlfassungen verbiegen nicht, rosten dafür schnell und sind deutlich schwerer als Alufassungen, welche jedoch gestaucht und verbogen werden können, und dadurch ihre Wirkung verlieren. Egal ob Stahl- oder Aluminiumfassung, sollten Spikereifen nach dem Kontakt mit Streusalz unbedingt gereinigt werden (ähnlich wie andere korrosive Materialien, und das Fahrrad dann an einem ausreichend warmen Ort vernünftig trocknen können.
Weil Spikes ausschließlich auf hartem Eis Sinn machen, sind gute Matsch- und Schneereifen (z.B. Maxxis Swampthing oder Wetscream und Continental MudKing) zumindest offroad meist die bessere Wahl; ihr großer Vorteil ist auch, dass keine Spikes beschädigt werden können.
3. Unternehmen
- Nokian Renkaat Oyj (Nokian Tyres), Pirkkalaistie 7, 37100 Nokia, Finnland
- Nokian Freddie’s Revenz hergestellt in Finnland
- Ralf Bohle GmbH (Schwalbe), Otto-Hahn-Str. 1, 51580 Reichshof, Deutschland
- Schwalbe Ice Spiker Pro hergestellt in Indonesien
4. Nokian Freddie’s Revenz
Der für Mountainbikes bekannteste Nokian Reifen dürfte wohl der Gazzaloddi gewesen sein, und für’s Vorderrad der Gazzaloddi G. Bei Nässe, Schlamm und vor allem Eis sollte man dann laut Hersteller zum Freddie’s Revenz greifen, Nokians aggressivstem Spikereifen, dessen Namen zweifelsohne an den Horrorfilm-Charakter Freddie Krüger angelehnt war, genauer gesagt an den zweiten Teil der Filmreihe Nightmare on Elm Street „Freddie’s Revenge“ aus 1985.
Der in Finnland hergestellte Drahtreifen im Format 26×2.30 (57-559) besitzt laufrichtungsgebundene Stollen, und in jedem dieser, insgesamt 336 Stück, und mit 3mm vergleichsweise lange, Wolframcarbid-Spikes in einem Alugehäuse, dieses zusätzlich auch im Gummi verklebt. Angeblich soll in der Produktion für die Verklebung sämtlicher Freddie-Spikes nur eine einzige Frau verantwortlich gewesen sein!? Und laut Hersteller kann man mit diesen Reifen bei hoher Geschwindigkeit einen Eiskanal hinunter fahren!
Bei 98% Neuzustand wiegen beide Reifen exakt gleich 1.275g (Downhill-Version), was u.A. auch für eine sehr gute Fertigungsqualität spricht, und so heute wohl kaum noch zu finden sein dürfte. Es gab den Freddie’s Revenz auch noch in einer ca. 250g leichteren SWA-Ausführung, d.h. einer etwas dünneren Seitenwand und kürzeren Spikes.
Nokian gibt die Breite mit 57mm, gemessen habe ich beim zulässigen Mindestdruck von 2,5bar jedoch „nur“ 53,4mm (53,2mm bei meinem empfohlenen Mindestdruck von 2,0bar) Sehr aussagekräftig ist der aufgebrachte Sicherheitshinweis: „Nur für Rennen auf Downhill-Kursen. Immer Augenschutz verwenden. Bitte Arschrasur vermeiden, und nicht über andere Fahrer rollen.“
In der 25mm breiten Mitte der Lauffläche wechseln sich die Spikes mit einem Abstand von je 20mm links- und rechtsseitig ab., d.h. je nach Reifenluftdruck berühren allein mittig 2 bis 4 Spikes den Untergrund. An den Flanken befinden sich im Abstand von 20mm seitlich geschlossene Stollpaare, mit je zwei Spikes im Abstand 16mm. Durch diese Verstärkungen kann der Reifen auch größere Kurven-/ Seitenkräfte aufnehmen. Insgesamt krallen sich bei 40-45mm Reifenaufstandsfläche 7 Spikes in Eis, davon 3 mittig und 4 an den Seiten.
Wie üblich bei Spikereifen, verliert man im Laufe der Zeit leider immer mehr Spikes; nach ca. 20 Jahren fehlt an meinem Paar von den insgesamt 672 Stück nur ein einziger.

Der Freddie ist derart stabil aufgebaut, dass er abseits der Felge die selbe Form und Breite besitzt, wie aufgezogen.
5. Schwalbe Ice Spiker Pro
Es gab den günstigeren und schwereren Ice Spiker Stahlgürtelreifen, bei dem die Wolframcarbid-Spikes in Stahlfassungen steckten, und den teureren weil leichteren Ice Spiker Pro, mit Aluminiumfassungen für die Spikes. Auch wenn die Stahlfassungen natürlich schneller rosten, hat dies dennoch keinen nennenswerten Einfluss auf die Haltbarkeit der Hartmetall-Spikes, da dieser erfahrungsgemäß eher verloren gehen, als weggammeln.
Typisch für Schwalbe (irgendwo muss der Name ja her kommen), lügt der Hersteller bei der Gewichtsangabe; aus den eigentlich ca. 850g werden in der Praxis tatsächlich über 900g, wobei 20g Gewichtsdifferenz bei zwei nagelneuen Faltreifen auch nicht unbedingt für eine herausragend gute Qualität steht.
Zugelegt hatte ich mir die Ice Spiker Pro als Hinterreifen, um meine bereits vorhandenen Nokian in Zukunft als Vorderreifen etwas schonen zu können. Beide neuen Reifen haben mich von privat nur 50,-€ gekostet, beim damaligen Preis der Nokian konnte ich das noch verschmerzen.
Ansonsten bin ich alles andere als ein Schwalbe-Fan, weil mich bei diesem Unternehmen einiges stört: die überwiegend leichten Faltreifen mit nur dünner Karkasse und instabiler Seitenwand gehen zu Lasten der Haltbarkeit, diese geringen Gewichte werden dann auf dem Papier nochmal zusätzlich klein gelogen (siehe auch hier), und das oftmals in Blockform geschnittene Stollenprofil bietet eine im Vergleich zu anderen Marken nur eingeschränkte Traktion.
Die Stollen mit ihren 361 Spikes sind ähnlich Trial-/Cross-Reifen relativ homogen angeordnet, fast schon lieblos könnte man meinen.
In der Mitte stehen diese mit 17mm Längsabstand (3 Stück) dichter als am Rand mit 22mm. Bei 40-45mm Reifenaufstandsfläche krallen sich also 7 Spikes ins Eis.
Praxis
Mit dem Ice Spiker Pro bin ich ca. 20km offroad über gefrorenen Schnee, frischen Schnee, Schneematsch und Eis gefahren, wobei seine Traktion auf Schnee im Vergleich zu finnischen Spikereifen deutlich zu wünschen übrig lässt. Nicht nur die Gummimischung ist dafür spürbar zu hart, vor allem das Profil mit seinen nur Einzel-Stollen leider nicht griffig genug; auf einer verschneiten Steigung dreht das Hinterrad schnell durch.
Die folgenden Aufnahmen entstanden nach diesem einen Probefahrt-Tag, das jeweils zweite Bild ist immer eine Vergrößerung des vorherigen. Nach nur ca. 3 Stunden Einsatz abseits von Straßen ist bereits zu erkennen, wie sich die Spikes in die Stollen drücken, was für mich keinen besonders langlebigen Eindruck macht.
Schwalbe Ice Spiker Pro vs. Maxxis Wetscream, der eine besser auf Eis, der andere ähnlich gut auf Schnee.
6. Nokian vs. Schwalbe
Die Gummimischung des stabileren Nokian Drahtreifen aus Finnland ist mit 73 Shore weicher, als die 79 Shore des Schwalbe Faltreifens aus Indonesien, wobei zu bedenken gilt, dass der Nokian bereits über 20 Jahre alt ist! In jedem Stollen besitzt der Nokian 336 längere, der Schwalbe 361 kürzere Wolframcarbid-Spikes, jeweils eingebettet in Aluhülsen, beim Finnen zusätzlich noch verklebt.
Auf 40-45mm Reifenaufstandsfläche und 50mm einfacher Breite krallen sich bei beiden Reifen jeweils 7 Spikes ins Eis. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass sich beim Nokian davon in der Mitte einer weniger befindet, stattdessen einer mehr in dessen massiveren Außenstollen.
| Nokian Freddie’s Revenz | Schwalbe Ice Spiker Pro | |
|---|---|---|
| Größe | 26 x 2.30 (57-559) | 26 x 2.35 (60-559) |
| Karkasse | Stahlgürtel, Downhill | Faltreifen |
| Luftdruck laut Hersteller | 2.0 – 4.5 bar | 1.6 – 3.5 bar |
| Gummihärte | 73 Shore (20 Jahre alt) | 79 Shore (5 Jahre alt) |
| Stollen & Spikes | 336 | 361 |
| Spike-Länge | 3,0 mm | 1,5 mm |
| Spike-Aufbau | spitzkegelige Wolframcarbid-Spikes im Alugehäuse, und zusätzlich im Gummi verklebt | spitzkegelige Wolframcarbid-Spikes im Alugehäuse |
| Gewicht | 1.280 g (Herstellerangabe 1.250 g) | 910 g (Herstellerangabe 850 g) |
| Produktionsjahr | schwere Version ab vor 2002 bis 2005 leichte Version 2005 bis nach 2008 | ? |
| ehemaliger Neupreis | ca. 125,-€ | ca. 90,–€ |
7. Fazit
Der Nokian kann im Gelände potentiell schneller, überträgt mehr Seitenkräfte, ist Durchschlag-sicherer, nimmt grundsätzlich höhere Lasten auf, und ist damit sowohl der dynamischere, als auch aufgrund längerer Spikes, aggressivere Eis-Reifen; außerdem ist er deutlich langlebiger. Der leichtere Schwalbe punktet vor allem mit Sicherheit auf der Geraden, und ist durch kürzere Spikes auch bedingt (kurzzeitig) Straßen-tauglich; ein guter Geländereifen ist er allerdings nicht, und damit sein Einsatzzweck sehr beschränkt.
Mein Tip: Aufgrund der Seltenheit des Nokian empfiehlt sich dessen Profil-schonendere Verwendung an der Vorderachse, und hinten ggf. der Schwalbe, oder auch andere, evtl. auch ohne Spikes.
8. Ähnliche Reifen
Der dem Freddie’s Revenz am nächsten kommende Nokian war der Extreme 294 (Vorgänger: Extreme 296), während hingegen der Nokian Hakka WXC300 vom Profil etwas offener war, und damit mehr dem Schwalbe Ice Spiker Pro ähnelte; dessen Vorgänger der Ice Spiker (günstiger weil flache Wolframcarbidspikes in Stahl- und nicht Alugehäuse) übrigens bezüglich Stollenanordnung wiederum mehr dem Nokian Extreme 294 ähnelte.
So wie ich das sehe, hat Schwalbe das Design der letzten 26Zoll Nokian Spikereifen nahezu kopiert, wobei die indonesischen Ice Spiker absolut nicht an die finnische Qualität heran kommen, weder bei der Gummimischung, noch bezüglich der Stabilität der Spikes.
Continental Spike Claw
Ein passabler Allround-Winterreifen für Mountainbikes war der Continental Spike Claw Stahlgürtelreifen im Format 26×2.1 bzw. 54-559, entweder mit 120 (Teile-Nr. 0115850, UVP 70,-€) oder 240 (Teile-Nr. 0115849, UVP 75,-€) flachen Spikes in Stahlfassungen, vom Hersteller empfohlener Luftdruck 3,5 bar. Der Spike Claw wurde von Nokian in Finnland produziert, und könnte u.A. auch deshalb als ein Nokian Hakkapeliitta W240 „Light“ betrachtet werden.
Continental Nordic Spike
Ebenfalls von Nokian produziert wurde der Continental Nordic Spike für 28″-Räder, empfohlener Luftdruck 3,5 bis 4,5 bar. Erhältlich mit 120 (Teile-Nr. 0125623, Gewicht 850g) oder 240 Spikes (900g), jeweils in der Größe 28×1.60 bzw. ETRTO 42-622. Um den im Vergleich zu anderen 28″Reifen deutlich höheren Rollwiederstand möglichst gering zu halten, genügt möglicherweise die Montage am Vorderrad.
Andere Spike-Reifen
Im Bereich der 28″-Straßen-Winterreifen, d.h. in jedem Fall abseits vom Gelände, sind z.B. bekannt der Continental Contact Spike 120 (37-622), oder der Schwalbe Marathon Winter Plus 240 (42-622). Der Vorgänger des aktuellen Winter Plus sah übrigens dem Nokian Mount & Ground W160 noch ähnlicher, wo auch hier wieder einmal der Verdacht des Kopierens durch Schwalbe besteht (während die Entwicklung von Continental eine hauseigene zu sein Scheint).













































































