Wander- und Trekkingstiefel


Autor: Dominik

Für jeden Einsatzzweck gibt es einen passenden Schuh – die Wildnis verlangt nach einem Stiefel. Natürlich läuft es sich in einem sportlichen Halbschuh entspannter und wohlklimatisierter (vor allem die Trailrunner werden „schneller“ sagen), allerdings nicht bei jedem Wetter komfortabler, und unter schwierigen Bedingungen grundsätzlich gesundheits-gefährdender, erst Recht mit Marschgepäck und/oder höherem Eigengewicht. Ungewohnte und hohe Belastungen verlangen nach Unterstützung, wer will schon mit gebrochenem Knöchel jammernd in einer Umgebung liegen bleiben, wo das Handy nur als Briefbeschwerer taugt? Je mehr man sich in unebenem Terrain bewegt, desto geringer kann die Notwendigkeit eines festen Schuhs werden, da sich Bänder und Gelenke nicht asphalt-typisch degenerieren. Trotzdem wird ein Fußschutz benötigt, sei es vor Fels oder gefährlicher Flora und Fauna. Es ist eine Gradwanderung zwischen unbewusster Verweichlichung und wohlüberlegter Anpassung. Nicht zuletzt ist ein gesundheitlicher Ausfall nicht nur unüberlegt sondern sogar auch egoistisch, denn leidet darunter natürlich auch die restliche Wandertruppe, die sich um den Verletzten kümmern und im schlimmsten Fall die komplette Tour abbrechen muss. Selten ist man allein unterwegs und für das eigene Verhalten selbst verantwortlich, um noch effekiver aus Fehlern lernen zu können. Niemand sollte bei der Vorbereitung zu Hause bereits den Schwarzen Peter einpacken, mal abgesehen davon, was im schlimmsten Fall Rettungseinsätze wie Luftevakuierungen oder Auslandsbehandlungen kosten können.

1. Trekkingstiefel

Es gibt Hiking-, Wander-, Trekking- und Bergstiefel; für den gehobenen Outdoor-Einsatz kommen mindestens Wander- und aufgrund der umfangreicheren Ausstattung oft eher Trekkingstiefel zum Einsatz. Grundsätzlich sollten alle Stiefel guten Halt bieten und entsprechend des Einsatzzweckes über eine geeignete Sohle verfügen; die Firma Vibram fertigt hier die zuverlässigsten Profile. Dass der Stiefel möglichst weit über den Knöchel gehen sollten, versteht sich von selbst. Schlechtwetter-Stiefel sollten deutlich höher ausgeführt sein. Leichter bedeutet nicht selten weniger (hochwertiges) Material, kommt also eher dem Hersteller als dem Nutzer entgegen. Leder als Obermaterial ist schwerer als Nylon, aber auch robuster und bietet vor allem mehr Halt. Ein umlaufender Gröllschutzband bewahrt das Leder vor Beschädigungen, mindestens am Hacken und an der Spitze sollte dieser Gummischutz vorhanden sein. Vor allem da heute überwiegend dünneres Nubukleder das damalige glatte Spalt- und Kernleder verdrängt hat (dieses findet fast ausschließlich bei Behörden- und Einsatzstiefeln von Militär, Feuerwehr, Sicherheit, Polizei Verwendung). Trotz teilweise schlechterer Verarbeitung und kostengünstigerer Auslandsproduktion bieten heutige Wanderstiefel dennoch enorme Vorteile gegenüber Modellen von vor 25Jahren. Aufgrund des gestiegenen Komfortbewusstseins läuft man sich in aktuellen Modellen nicht mehr zwangsläufig die Füße wund, die Einlaufphasen (wenn überhaupt noch vorhanden) werden immer kürzer. Bei empfindlichen Füßen und/oder langen Touren mit höherer Belastung ist Hirschtalgsalbe nach wie vor ein gutes Mittel um Problemen vorzubeugen.

2. Kategorien nach Anwendungszweck:

  • Meindl A = Lowa 5:          bequem, weich, flexibel à Alltag bzw. gute Wege
  • Meindl A/B = Lowa 4:      fester, höherer Schaft à befestigte Forstwege
  • Meindl B = Lowa 3:          stabiler Schaft, torsionsteife Sohle, Gummirand à Mittelgebirge
  • Meindl B/C:                      steiferer Schaft, steifere Sohle, bedingt steigeisenfest à Trekkingtouren
  • Meindl C = Lowa 2:          harte Sohle, fester Schaft, steigeisenfest à Hochgebirgstouren
  • Meindl D = Lowa 1:          komplett steife Sohle, harter Schaft, gefüttert à Gletschertouren

3. Innenfutter: Echt-Leder vs. Textil-Membran

Seit einiger Zeit übernimmt die Industrie-Membran Gore-Tex den Markt und Hersteller wie Verkäufer gaukeln dem Kunden vermeintliche Vorteile vor. Dabei wussten schon unsere Vorfahren um die Vorzüge von Leder. Textile Schuh-Innenfutter sind jedoch einfach billiger in der Herstellung und im Prinzip auch unbegrenzt verfügbar, auch muss man sich keine Gedanken um Tierschutz- und Haltebedingungen machen. Trotzdem sollte man nicht diesem fragwürdigen Trend hinterherlaufen und seine Füße im eigenen Mief ersticken lassen und nicht selten für GTX-Modelle auch noch mehr bezahlen als für das eigentlich hochwertigere Lederfutter. Egal ob man sich nur ein Paar Stiefel, oder die ersten, oder besonders hochwertige, oder länger haltbarere, oder angenehm zu tragende oder auch nur Ersatzstiefel zulegen will, man sollte fast immer zum Wanderstiefel mit Leder-Innenfutter greifen.  Vor allem in unseren Breitengraden, wo sich die Saison von Frühjahr bis Herbst erstreckt. Bis knapp unter Null °C wird beim Wandern in Lederstiefeln (ein paar vernünftige Wollsocken vorausgesetzt)  so schnell niemand kalte Füße bekommen. Während man in Membran-gefütterten Schuhen bereits ab ca. +10°C ordentlich schwitzen kann. Keine Frage hat auch ein Gore-Tex- Futter seine Berechtigung im Schuh, aber dieser Einsatzbereich ist wesentlich kleiner als der des Lederfutters und erstreckt sich hauptsächlich über kaltes und trockenes Klima. Denn die Polytetrafluorethylen-Membran benötigt zur Funktion ein ausreichend großes Dampfdruckgefälle, d.h. außerhalb der Kleidung muss es wesentlich kälter und trockener sein, damit die Wasserdampfmoleküle von innen nach außen diffundieren können. Wem nun aber auffällt, dass die Luftfeuchtigkeit beispielsweise bei Regen außen höher ist, oder die Außentemperatur in sehr warmen Regionen grundsätzlich höher als im Schuh ist, der hat erkannt, dass Gore-Tex unter diesen Bedingungen nicht funktionieren kann und den eher gegenteiligen Effekt bewirkt. Auch Verkaufs-Argumente zur besseren Wasserdichtigkeit bei Membranen sind keine echten, denn ein gut gepflegter Lederstiefel kann mehr ab als nur einen Regenschauer oder ein paar Pfützen. Wir sind auch mit Lederschuhen durch flache Flüsse gewatet und hatten dieselben trockenen Füße wie in Gore-Tex-Schuhen. Allenfalls längerer Aufenthalt in stehender Feuchtigkeit, z.B. in Sümpfen rechtfertigt die Membran. Wobei man bei einer bewusst geplanten Sumpftour dann auch eher zum Gummistiefel, bzw. Naturkautschuk-Stiefel, greifen sollte. Ist die Synthetik-Membran erst einmal nass, dauert es, bis diese wieder trocken ist. Auch ist die Gore-Tex-Membran mit den Jahren schneller undicht als ein Lederfutter; es ist nicht selten so, dass der Gore-Tex-Schuh genau dann die erste Feuchtigkeit durchlässt, wenn er gerade richtig schön eingelaufen ist (wer kennt das nicht). Umso ärgerlicher, wenn man sich ausgerechnet dann nach Ersatz umsehen muss. Ein hochwertiger Schuh ist wiederbesohlbar, was nützt das aber, wenn er undicht und das Futter nicht austauschbar ist?  Die Sohle eines klassischen Wanderstiefels hat in etwa das grobstollige Profil eines bekannten Militär-Einsatzstiefels und bietet damit den besten Kompromiss zwischen guter Traktion und ausreichender Selbstreinigung. Trekkingstiefel der Kategorie B/C kosten übrigens ab 200,-€. Handwerklich hochwertig-verarbeitete Klassiker Modelle in zwiegenähter Ausführung Made in Germany bekommt man heute nur noch bei wenigen Herstellern und kosten weit über 300,-€.

Von links nach rechts:

  • Lowa Z-6S GTX (Gore-Tex-Futter, Alltagsschuh für Herbst und Winter)
  • Hanwag Yukon (Lederfutter, klassischer Trekkingstiefel der Kategorie B/C)
  • Härkila Pro Hunter GTX 12″ (komfortabler Jagdstiefel, ideal für nasses Terrain)

4. Wüsten- und Tropenstiefel

Noch kontraproduktiver ist der Einsatz von Gore-Tex bei Wüstenstiefeln, auch hier wurden die alt-bewährten Textil-Futter-Modelle mit Gore-Tex-Membranen verhunzt. Das tragen solcher Schuhe kommt in etwa dem Tragen einer Hardshell-Jacke gleich. Und wer, wenn nicht gerade die Bundeswehr beim ABC-Alarm oder der Latex-Fetischist zwängt sich bei Temperaturen von 30-50°C freiwillig in schweißtreibende Kunststoffe? Hier ist ein membranfreies dünneres Textilfutter am sinnvollsten, maximal im hoch-beanspruchten Hackenbereich findet zu Gunsten der Haltbarkeit eine Gore-Tex-Verstärkung Einsatz. Warum ausgerechnet in Heißlandregionen das Durchqueren eines Canyons oder das Besteigen der Sanddüne nicht mit Sandalen erfolgen sollte, wird einem spätestens bei der ersten Sichtung von Skorpion und Schlange bewusst, deren Stichen bzw. Bissen ein guter Wüstenstiefel standhalten sollte. Wenn ein Dornengewächs selbst eine massive von Stahlgürteln durchzogene Lkw-Reifen-Karkasse durchbohren kann, kann man sich ausrechnen, was wohl mit ungeschütztem menschlichem Fleisch passiert. Vorsicht ist vor den vielen Modemodellen geboten, die mit ihrer Sandfarbe und einem entsprechenden Namen Wüstentauglichkeit vorgaukeln, aber zu nicht mehr als einem Strandspaziergang am Mittelmeer taugen. Achten Sie besonders bei Wüstenstiefeln auf die Klassifizierungen der oben genannten Kategorien, d.h. auch hier mind. B/3. Die Sohle ist im Vergleich zum klassischen Berg-/Trekkingstiefel weniger grobstollig, eher detailreicher. Die Kosten für ein anständiges Modell liegen bei ca. 150-220,-€, was gar nicht mehr sinnlos erscheint, wenn man bedenkt, dass man diese Schuhe auch in der sommerlichen Heimat gut tragen kann.

Dschungelstiefel sind ähnlich den Wüstenstiefeln aufgebaut, farblich jedoch eher schwarz oder grün, selten sandfarben, ihr Einsatzbereich ist feuchtes und schlammiges Terrian. Man erkennt sie an einem schnelltrocknenden Textil- oder Baumwollschaft und groben Profilstollen. Aufgrund der geringeren Steifigkeit und der preisgünstigeren Materialien ist ein Dschungelstiefel auch für bereits unter 100,-€ zu haben, Modelle mit einem ausgeklügelten Dämpfungs- und Komfortsystem sind mir nicht bekannt.

  • Meindl Pioneer (Leder ohne Futter, alltagstauglicher Wüstenstiefel ohne Dämpfung im Retro-Look)
  • Lowa Elite Desert (Textilfutter, extrem robuster Militär-Einsatzstiefel für anspruchsvolles Gelände)
  • Lowa Z-8S (Textilfutter, Allround-Wüstenstiefel mit hohem Komfort für mittelschwere Beanspruchung)
  • Magnum Spartan XTB (Textilfutter, leichter Tropenstiefel ohne Dämpfung für feuchtes Terrain)

 

5. Polarstiefel

Noch seltener als Heißland-Stiefel kommen für den Mitteleuroäer höchstwahrscheinlich Kälteschutzstiefel für Polarregionen zum Einsatz, nicht zu verwechseln mit unseren gebräuchlichen Winterstiefeln. Zwar bieten auch die bekannten Hersteller Hanwag, Lowa, Meindl und Haix warm gefütterte Stiefel an, allerdings sind das, verglichen mit den echten Polarstiefeln, eher Modelle gegen kalte Füße auf dem Weihnachtsmarkt. Für seriöse Schneeschuhwanderungen und Polarlichtsafaris bei Temperaturen unter -30°C kommen eigentlich nur Modelle der Marken Baffin und Kamik (beides kanadische Hersteller) in Frage. Und wer so etwas einmal angehabt hatte, weiß warum. Mit einem Baffin Control Max (bis -70°C) können sie noch recht angenehm laufen (mit einem Evolution noch besser), ein Baffin Apex (bis -100°C) allerdings taugt aufgrund des hohen steifen Schaftes zu nicht viel mehr als Eisangeln oder einer Schneemobiltour. Diese Schuhe besitzen alle einen herausnehmbaren dicken Thermo-Innenschuh, welcher wärmer hält als die bei uns gängigen Lammfellfutter und den man praktischerweise auch als Hüttenschuh verwenden kann. Die Sohle sollte eine relativ weiche Gummimischung besitzen, das Profil ist eis- und schneegripp-orientiert, die Stollen sind teilweise bespikebar. Solche Stiefel für extreme Regionen kosten im Schnitt ab 200,-€, auch wenn das für den vergleichsweise einfachen Aufbau und die Herstellung in China reichlich überzogen erscheint.

Baffin Evolution – Baffin Control Max

Baffin Evolution – Baffin Control Max

Thermo-Innenschuh Baffin Evolution

Das Schlachtschiff: Baffin Apex

6. Abschließend noch ein paar grundsätzliche Tips zum Stiefelkauf:

Nachmittags oder abends (mit geschwolleneren Füßen) und nur mit authentischen Socken (dicke Schurwolle) anprobieren, mehrere Meter durchs Geschäft, nach Möglichkeit nicht nur Treppen, sondern auch Steigungen und Gefälle laufen. Der Fuß sollte unter keiner Bedingung vorn anstoßen und darf hinten nicht schlappen, dann passt er (meist eine knappe Größe über der eigentlichen Schuhgröße). Zum Sichergehen nehmen Sie die Einlegesohle des größeren Fußes aus dem Schuh heraus und stellen sich drauf – es sollte ungefähr eine Daumenbreite Luft zwischen großem Zeh und Sohlenspitze sein. Wie immer bei Schuhen, um wirklich auf Nummer sicher zu gehen, mehrere Größen anprobieren und vergleichen; lieber den Aufwand im Laden als wundgescheuerte Haut in der Wildnis;-)

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